Vernissage GEGENÜBER, Einführungsrede von Monika Cordes-Stein

13.1.17

Brücke SH - Galerie, Kiel

Wer ist mein Gegenüber? Bevor ich zu den Bildern von Astrid Claus komme, muss ich dazu etwas Interessantes erzählen, was ich in der Zeitung (SZ, Dez.16 ) gelesen habe:   

„Psychologen von der Universität Yale berichten im ‚Journal of Personality and Social Psychologie‘, dass die meisten Menschen glauben, sie selbst beobachteten Personen in ihrer Umgebung intensiver als Andere das tun; und zudem zeigen sich die meisten überzeugt, dass sie selbst geringes Interesse hervorrufen.“ Also sie glauben, nur sie beobachten die Anderen, werden aber nicht so beobachtet. Das geht mir genauso, ich beobachte gern Menschen im Café, in der Bahn, im Park. Und es stimmt auch: Ich fühle mich dabei wesentlich weniger beobachtet als ich das an den Anderen  zu betreiben meine. Das Interesse ist also groß und es ist gegenseitig. 

Und vielleicht zeigen die Bilder genau dieses Interesse, dieses Bedürfnis nach dem Anderen. Sie zeigen dieses Schauen, die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Sie machen die große Sehnsucht deutlich, die wir zum Gegenüber haben. Aber sie zeigen nicht nur, sie fragen auch.  

Die Ausstellung vom Gegenüber ist wirklich so eine Art Befragung. Auf den Bildern sind Personen dargestellt. Oder sind es flüchtige Eindrücke von Personen? Menschen, wie im Vorübergehen, oft ungenau gesehen, zwar bemerkt aber gar nicht richtig hingeguckt, schon weitergegangen. Sind es Fotos, vielleicht alte Fotos, wer war das noch mal? Ich? Sah  ich so aus?  Oder der? An wen erinnert er mich? Andere Menschen, Eltern, Verwandte, es können Schnappschüsse gewesen sein. Nie eingeklebte Fotos. Man weiß es nicht mehr so richtig. 

Manche sind Bilder von Stars, die Doors - allerdings ohne Jim Morrison; die Stones, alte Helden aus grauer Vorzeit, die sich so präsentiert haben, damals. Manches wirkt wie blanke Pose. Zur Schau gestellte Unnahbarkeiten in Anzug oder Topdress, öffentlichkeitswirksam und doch eher bloß wie eine Hülle abgebildet.  Das verstärkt noch einmal die Frage: Was zeigt sich mir? Wer ist mein Gegenüber?  Die Art der Malweise stellt noch mehr Fragen. Kaum ein Gesichtszug ist klar dargestellt. Es drückt sich keine Stimmung aus. Diffus alles. Gekonnt verwischt, manchmal so etwas wie eine Überbelichtung über den Gesichtern, eine Art von Schleier über dem Antlitz, ein Grau, oder eine Dunkelheit. 

Und doch immer Personen. Interessanterweise kommt hier nicht das befriedigende Gefühl auf, etwas an den Dargestellten entdeckt zu haben, sich ein Bild gemacht zu haben. Wie wenn ich mir zum Beispiel  im Café  etwas Interessantes über Irgendjemand dort ausgedacht habe. Fast das gegenteilige Gefühl beschleicht mich hier. Es wirkt eher wie die Darstellung der Unmöglichkeit, sich ein Bild zu machen vom Anderen. Als wäre hier einerseits das Bedürfnis nach dem Anderen, andererseits die Unnahbarkeit an den Anderen dargestellt.

Nietzsche schreibt in seinen Fragmenten dazu: „Mit aller Kenntnis anderer Menschen, kommt man nicht aus sich hinaus, sondern immer mehr in sich hinein.“ Sprich‘, man kommt weniger zum Anderen, sondern mehr zu sich, wenn man sich mit dem Anderen beschäftigt.  - In dem fantastischen Film von I.Bergmann aus dem Jahr 1976, „Von Angesicht zu Angesicht“  lässt Bergman den Schauspieler Erland Josephson zu Liv Uhlmann sagen: „Ich wünschte, jemand oder etwas berührte mich so, dass ich wirklich werde. … Wieder und wieder sage ich es mir: ‚Lass mich wirklich werden.“  D.h. ich spüre mich, weil der Andere mich wahrnimmt. Auch deshalb suche ich den Anderen. Das Geschenk, das Menschen sich gegenseitig machen, ist das sie sich selbst besser verstehen im Auge des Anderen. Dann kann ich mich spüren. 

Die Bilder hier gehen sorgfältig mit dem Gegenüber um. Mit der vagen Sicherheit, dass ein Kennen behutsam überprüft werden muss. Und die fast zärtliche Annäherung an den Anderen, das vorsichtige Tasten nach seiner Kontur in diesen Bildern, drückt vielleicht aus, wie schwer es ist, dem Anderen gerecht zu werden, und wie viele Fragen sich am Anderen stellen: Was ist Pose? - etwa die Athleten im Schwimmbad? Was ist Business? - das stonend face der rockstars? Was ist Inszenierung? - vielleicht die anmutigen Kinder auf der Wiese? Was ist der Einzelne in einer Masse? - synchronisiert, wie das Bild drüben ganz oben heißt? Welche Rolle spielt die Puppe mit dem roten Kleid? Wo wird es echt, unverstellt, vielleicht gerade da, wo das junge Mädchen im Liegestuhl sein Gesicht verdeckt mit einer Haarsträhne? Es sind genau diese Fragen, die den Betrachter auf sich zurückwerfen, die ihn aber lebendig werden lassen am Gegenüber. 

Der Betrachter weckt den Reiz, der von der Person im Bild ausgeht, und dabei erlebt er sich und sein Erleben. Die duftige, rätselhafte Ungenauigkeit der Bilder weckt Neugier. Die Ungenauigkeit spielt mit dem Schimmer, spielt mit der eigenen Erlebnisbereitschaft, mit dem eigenen Bild des Anderen, mit der ewig spannenden Frage:  Wer ist mein Gegenüber?    Text: Monika Cordes-Stein

 

 

Max Cole, Künstlerin, geboren 1937, in Kalifornien lebend, hat mir damit aus dem Herzen gesprochen:

"Mir gefällt es, die Dinge so weit zu treiben, bis sie beinahe scheitern. Auf einem Seil zu balancieren, das ganz nah am Boden angebracht ist, ist nicht besonders interessant. Die Dinge müssen an einen Punkt gebracht werden, an dem die Situation prekär wird.Der Umstand, dass man ab und zu scheitert, bewahrt einem die Demut. Ich zerstöre Bilder, die gescheitert sind. Wie man feststellt, ob ein Bild gelungen ist? Es hat eine Spannung, die nicht vollständig gelöst ist.

Es ist kein rein intellektuelles Ereignis, sondern ein körperlich fühlbares. Für mich ist Kunst nur dann interessant, wenn sie über diese Qualität verfügt, egal ob es sich um ein reduziertes, modernistisches Werk handelt oder um eines, das sich mit erkennbaren Dingen beschäftigt. Für mich existieren Inhalte nicht. Nicht der Gegenstand und nicht die Technik haucht einem Kunstwerk Leben ein, sondern seine authentische Qualität, und die kann der Künstler nur erreichen, wenn er intuitiv vorgeht. Für mich liegt darin die Spiritualität einer Arbeit. Es ist diese Essenz, die darüber entscheidet, ob ein Werk lebt oder nicht..." 

 

 

 

Bilder, die man mit sich trägt. Diese Bilder müssen wohl das Ergebnis meiner Lebensgeschichte sein. Sie sind Ausdruck der Erlebnisse, die mich berührt haben und in mir versunken sind. Einige ganz tief, ganz dunkel und vage umrissen, andere bunt und präsent, klar und nahe der Oberfläche, nur ein paar Zentimeter weit im Unbewussten. Ein wehmütiges Gefühl begleitet ihre Wiederkehr – diese Zeiten sind vorbei – das Leben geht weiter.

 

"I really like how people contain their time, in their faces", sagte Elizabeth Peyton in einem Interview.

 

Die Bilder sind mein Schatz in einer Truhe, die sich unerwartet öffnen kann. War es ein Film aus Kindheitstagen, waren es Begegnungen mit Sandkastenfreunden, das wiedergefundene Album mit Familienfotos, das Aussortieren lange abgelegter Kleider? Der tägliche Weg zur Arbeit durch die Stadt, vorbei an wenig bemerkenswerten grauen und vernachlässigten Straßenhäusern. Warum brennt er sich in das Hirn ein wie ein visueller Ohrwurm, so dass ein Bild daraus wird, das ich malen muss. Wer weiß es so genau, wie alle bewussten Erinnerungen und eher wolkenhaften Erscheinungen zusammenwirken und zu diesen Bildern führen?

 

Plötzlich sind die Bilder einfach da und machen sich breit. Wer kennt das nicht? Eine Gelegenheit, sich die Bilder vorzunehmen, sie fest zu malen, zu hinterfragen, farblich, kompositorisch, mit flüchtiger oder kräftiger Pinselführung, mit Wut, Angst oder Freude neu zu füllen und haltbar zu machen und ins Bewusstsein zu holen, für mich selbst und den Betrachter als Schlüssel zu eigenen Bildern. Welche Bilder entstehen dabei? Sind es ähnliche wie die gemalten? Bilder, die man mit sich trägt, Ausstellungseröffnung am 01. Juni 2013

 

 

 

Kunst liegt, so wie ich sie sehe, irgendwo zwischen dem Konkreten, Geerdeten, Erklärbaren und dem völlig freien Fall, dem Unbestimmten, Beliebigen. Und Kunst dient wirklich nicht dem Zeitvertreib? Sollen wir uns nicht darüber freuen und uns nach dem Anblick einer täglichen Dosis Gelb-Orange besser fühlen? „Deine Bilder sehen so traurig aus“, höre ich immer wieder. Das ist Euer Gefühl beim Betrachten. Ich male aber für mich und nenne das Gefühl Melancholie. Wenn es Menschen gibt, die trotzdem stehen bleiben und auf Entdeckungsreise gehen, dann habe ich sie gefangen. Ich weiß selbst nicht genau, wie. Mit Gelb-Orange jedenfalls nicht. Seht am besten selbst nach. Fragt nicht nach einer Erklärung der Bilder. Die habe ich nicht oder nur ansatzweise. Ich habe eine Grundidee vor dem Malen, aber dann verselbständigt sich oft alles. Es ist nicht einfach, ein gutes Ende zu finden – ein atmosphärisches, weit genug weg von der Erde, aber noch nicht im All, sondern irgendwo dazwischen, so dass etwas Geheimnisvolles entsteht. Gemeinschaftsausstellung des künstlerischen Jahres 2011/2012, Freie Kunstschule Kiel, Eröffnung am 30. März 2012